Kniebis 1957

Im Herbst 1957, wir waren damals die Untersekunde 2 ( = 10. Klasse) der Ricarda-Huch-Schule fuhren wir mit unserem Klassenlehrer, Herrn Dr. Becker, eine Woche ins Landschulheim Kniebis. Die Ricarda war damals eine reine Mädchenschule und mit uns fuhren unsere Sportlehrerin, Fräulein Strucken und unsere Musiklehrerin, Fräulein Koch. Die Anrede „Frau“ war damals für unverheiratete Lehrerinnen nicht üblich und auch die betroffenen Lehrerinnen legten Wert auf die Unterscheidung.

Die nachdrücklichste Erinnerung an diesen Landschulaufenthalt ist wandern, wandern, wandern. Wandern zum Elbbachsee, wandern zur Alexanderschanze, wandern zum Schliffkopf. Ich erinnere mich, dass unser Klassenlehrer auf einer dieser Wanderungen uns vorführte, wie man sich als Soldat durchs Unterholz bewegt, tief gebückt oder kriechend. Der Ausflug nach Freudenstadt war da schon eine echte Abwechslung und auch die obligatorische Schnitzeljagd.

Neben dem Landschulheim gab es damals noch große Freiflächen, auf denen wir unter Anleitung von Fräulein Strucken Brennball oder Völkerball spielten. Wer Lust hatte, konnte auch mit Fräulein Koch „Rom-tü-tü“ üben, ein Stimmübungsprogramm für das anschließende Singen.

Wie waren wir untergebracht?  Wie gefiel uns das Haus? Es war der  Jugendherbergsstil der damaligen Zeit. Wir waren zufrieden. Das einzige Problem war der Waschraum: ein langes Becken mit vielen Wasserhähnen darüber.  Jede von uns versuchte, am Anfang der Reihe zu stehen, damit einem z. B. beim Zähneputzen nicht alles entgegen kam, was andere ausgespuckt hatten.  War das Essen gut?  Keine Erinnerung. Waren die Zimmer in Ordnung? Wir hatten es nicht anders erwartet. Haben wir eine gute Erinnerung an diese Woche auf dem Kniebis? Ja, es war die gemeinsame Klassenfahrt am Ende der Mittelstufe, nach der wir uns entscheiden mussten, ob wir den sprachlichen oder naturwissenschaftlichen Zweig wählen wollten. Auch wenn eine Mitschülerin unter das Bild unseres Klassenlehrers den Vermerk „Großtyrann“ geschrieben hat, war es eine gelungene Klassenfahrt. Vielleicht nicht so locker und beliebig wie Klassenfahrten heute sind, aber auch wir hatten damals unsere Freiräume- und wir haben sie genutzt.  

Interessant ist vielleicht noch eine weitere persönliche Begegnung mit dem Landschulheim 1972. In diesem Jahr war ich als begleitende Mutter einer 4. Grundschulklasse  erneut auf dem Kniebis. Meine Erinnerung daran: Nicht mehr so positiv wie 1957. Die Ansprüche hatten sich verändert, sowohl die der Erwachsenen als auch die der Kinder.

Fazit: Kniebis war wichtig, Kniebis war in Ordnung, aber Kniebis  geht so heute einfach nicht mehr. Schade?

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